Dipl.Psych. Karin Elke Krüll

Artikel aus "Beratungslehrer - eine neue Rolle im System" 
Hrsg.: N. Grewe , Luchterhand Verlag 1990
   

 


Rechenschwäche - Hilfe durch Einzeltherapie?                                                                         Seite 1/7


Schwierigkeiten beim Erlernen einer Kulturtechnik ( Lesen, Schreiben oder Rechnen) bedeuten ein großes Problem für das betroffene Kind (für seine Leistungsentwicklung und für die Entwicklung seiner Persönlichkeit). Sie belasten darüber hinaus häufig auch das Verhältnis zwischen Eltern und Kind, und können die Beziehung zur Lehrkraft und zu den Mitschülern ungünstig beeinflussen. Um die negativen Auswirkungen gering zu halten, sollte möglichst früh und möglichst wirkungsvoll geholfen werden. Bei Rechenschwäche im Grundschulalter hat sich eine befristete Einzeltherapie, die i. d. R. zusätzlich zum Unterricht stattfindet, gut bewährt. Die in vielen Fällen vorzuziehende Möglichkeit, eine solche Therapie eine Zeitlang parallel zum (und anstelle von) Unterricht durchzuführen, besteht in Niedersachsen bisher leider noch nicht.


1. Warum Einzeltherapie bei Rechenschwäche? (RT= Rechentherapie)

1.1 Verknüpfung von lernzielorientierter Hilfe und persönlichkeitsbezogenen Maßnahmen

Während einer Rechentherapie wird - wie der Name schon sagt - in zweifacher Hinsicht mit dem Kind gearbeitet: einerseits am Symptom Rechenschwäche, andererseits wird aber auch die Möglichkeit in Betracht gezogen, daß dieses Symptom durch ganz andere Probleme (z. B. im familiären Umfeld oder im Persönlichkeitsbereich des Kindes) verursacht wurde. Um in letzterem Fall Erfolge erzielen zu können, müssen zusätzlich psychologische Methoden eingesetzt und an die spezifische Situation adaptiert werden. Das Vorgehen erinnert dann an eine Therapie.


1.2 Beeinflussung der grundlegenden Einstellung dem Lernen gegenüber.


Während der ersten Grundschuljahre soll nicht nur Wissen vermittelt werden. Ganz wesentlich ist der Aufbau einer positiven Haltung dem Lernen gegenüber und die Entwicklung von Vertrauen in die eigene Lernfähigkeit. Was in diesen beiden Bereichen aufgebaut wird, begleitet den Schüler während seiner ganzen Schulzeit, ja in unserer Zeit, wo lebenslanges Lernen nötig ist. sogar das ganze Leben lang. Eine individuelle Rechentherapie versucht neben inhaltlichen Zielen auch in dieser Hinsicht eine positive Änderung beim Kind zu erreichen.


1.3 Hilfe in einer Krisensituation, die den ganzen Menschen betrifft:


Versuchen wir uns ein Kind vorzustellen, das schon längere Zeit die Schule besucht und durch seine Rechenschwierigkeiten auffällig geworden ist: Karsten ist heute wieder als letzter mit den Übungsaufgaben fertiggeworden. Warum ist nur wieder so viel falsch gewesen? Wenn die Lehrerin etwas fragt, versteht er zuerst gar nicht, was sie eigentlich wissen will. Heute hat er eine Antwort gewußt. Aber als er sich gerade melden wollte, ist schon ein anderer dran gekommen. Natürlich der Christoph, der immer alles am schnellsten weiß und gestern wieder "Rechenkönig" geworden ist... Dieser Schüler leidet nicht mehr nur unter seiner Rechenschwäche, er hat bereits ein negatives Selbstkonzept entwickelt: Gefühle der Ohnmacht und der Hilflosigkeit sind an die Stelle von Selbstvertrauen, Wissensbegierde und Bewältigungszuversicht getreten. Viele Kinder mit Lernschwierigkeiten trauen sich mit der Zeit immer weniger zu, und zwar auch in anderen Bereichen, wo sie noch keinen Mißerfolg erlebt haben. Während der gesamten Übungszeit in der Schule haben sie v. a. eines gelernt: daß sie selbst nicht in der Lage sind, ein Problem zu lösen oder die richtige Entscheidung zu treffen, daß sie hilflos sind, also der Hilfe anderer Menschen bedürfen.

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